Die Linie

& abgelegt unter Allgemein.

Am vergangenen Samstag war ich im Centre Pompidou in Metz.

Der Besuch eines Museums löst in mir stets ambivalente Gefühle aus. Das erste Gefühl, kurz vor dem Betreten des Museums, ist eine Art Widerwille. Überall hängen Plakate der Expositionen, die die Kunsthalle derzeit ausstellt: bizarre Themen mit den Fotos der Künstler, bei deren Betrachten die Frage aufgeworfen wird, wie genau der Urheber jetzt gerade auf dieses Thema gekommen ist. Diese Momente sind es dann auch, die den Widerwillen durch das Folgegefühl ablöst, eine Mischung aus vorsichtiger Neugier und Angst, man könnte nicht die fachliche Kapazität haben, sich dem Thema zu nähern. Schließlich, ohne es wirklich zu bemerken, schleicht sich die nächste Empfindung an und übernimmt Gedanken und Sinne. Man taucht ein in das Dargebotene und verfällt der Perspektive und dem Ausdruck des Künstlers; sieht, fühlt und erstaunt im Eindruck. Zuletzt, wenn man die Kunsthalle verlassen hat und die altäglichen Eindrücke der Umgebung wieder von einem Besitz ergreifen, verweilt die innere Aufklärung, etwas Besonderes hat das sinnliche und gedankliche Fundament die Persönlichkeit erweitert.

Genauso erging es mir bei jenem Besuch in Metz.

Eine Austtellung über die “Linie”. Eigentlich etwas ganz Banales, was konnte man schon erwarten von einer Exposition über die Linie? Doch gleich die einleitenden Worte vor dem Betreten der Ausstellung inspirieren zum Nachdenken:

“Die Linie ist der Ausgangspunkt eines jeden Ausdrucks, die Linie ist überall zu finden, die Linie bestimmt Empfindung und Information”.

Die Ausstellung sog mich immer tiefer in die Faszination dieser Perspektive. Die Linie als Fundament des Buchstabens, die zusammen Wörter bilden, Sätze, die wiederum Empfindungen auslösen, die Linie als Musiknote, die zu Musikkompositionen werden und die Sinne anregen. Die Linien auf Fotos, um Hügel und Häuser voneinander zu trennen, den Horizont von der Erde,  Rationalitäten kennzeichnen, Unterscheidungen herbeiführen und Klarheiten schaffen.Die Linie ist überall, beginnt, endet, fühlt und erklärt.

Mit einem Mal war ich wie in Trance von all dieser Erkenntnis und den Perspektiven, versuchte meine Gedanken neu zu ordnen und stülpte dies neuen Erkenntnismuster auf meine Erfahrungen, Einsichten und Perspektiven. Noch lange nach dem Besuch der Ausstellung denke ich darüber nach und überlege, welche Schlüsse zu ziehen sind und wie dieses Bewusstsein meine nächsten Geschichten beeinflussen wird.

 

Maximilian

Männerunterwegs

& abgelegt unter Allgemein.

Wenn man sich drei Minuten Zeit nimmt, die Augen schließt,  sich zurücklehnt und dann vorstellt, was man von einem Trip mit einem Freund erwartet, hat jeder, zumindest theoretisch, klare Vorstellungen.

Gute Gespräche, Alkohol, Zigaretten, sofern man sich dieses Laster noch nicht abgewöhnt hat, Zigaretten meine ich, Alkohol ist temporär kein Laster, eher eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Nun fehlt nur noch ein Ziel, wobei das Ziel keine primäre Rolle spielt, eher der Weg dorthin.

Nun übersetzt man das theoretische Gedankenspiel in eine praktische Realität und folgende Geschichte entsteht, natürlich verkürzt, auf ein paar Zeilen.

Freitag, halb zehn, Trier Hauptbahnhof, das Transportmittel steht bereit, ein silberner 5er BMW, Baujahr 1998, zweihundertfünfzigtausend Kilometer und mit Sicherheit eines der letzten geschlossenen Fortbewegungsmittel, in denen noch gequalmt wird.

Ziel Cuxhaven.

Der Silberne fährt los, fährt alleine, weil Männer quatschen ebenfalls und verfahren sich dabei. Plötzlich ist man im hässlichsten Ort der Welt, irgendwo in Belgien. Was solls, die Belgier haben gute Fritten, außerdem ist sowieso Zeit für eine Pause. Dann geht es weiter, Bierdosen öffnen sich wie von selbst und Ketten von Zigaretten glimmen. Im Ruhrgebiet ist Stau, egal, thematisch ist man sowieso gerade woanders, bei den alten Unifeten. Schließlich, Ankunft in Cuxhaven, viel zu spät, aber der neugierig, freundliche Besitzer der Villa Caldera, ein Hotel mit ausschweifender Geschichte, läßt sich nichts anmerken. Sowieso scheinen alle freundlich zu sein im Norden. Kurzer Spurt im Dunkeln auf den Deich, die nachtblaue, unendliche Nordsee vor Augen, es ist eisig kalt.

Ein Ereignis jagt das andere, eine südschleswigholsteinische Rockband, tanzende Siebzigjährige, das beste Fischbrötchen aller Zeiten, die Elbüberfahrt mit Fähre und natürlich mit Korn, ein ohnehin stetiger Begleiter im Norden, anschließend Lübeck, die Stadt in der jeder einen eigenen Kontor zu besitzen scheint und so weiter und so weiter.

Im Alltag zurück bleibt ist die Erkenntnis, das die Realität eines Männerausfluges besser ist, als seine theoretische Vorstellung und das die Freiheit in jenen Köpfen wohnt, in denen der Weg das Ziel bleibt.

Viele Grüsse

Maximilian

 

Paris – Jardin du Luxembourg

& abgelegt unter Allgemein.

 

Es gibt einen Ort, den ich, verbunden mit dem Schreiben, besonders liebe. Wie eine Oase liegt er mitten in Paris, zwischen den bunten und lebendigen Vierteln von Saint-Germain-des-Prés und Montparnasse. Dort hielt sich Anfang, Mitte der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts unter anderen die Künstlerclique um Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway auf. Man traf sich in den vielen kleinen Cafés, die es heute noch gibt, schrieb, tauschte Ideen aus oder feierte einfach das Leben. Ab und an besuchte man Gertrude Stein in der Rue de Fleur, suchte dort moralische Unterstützung oder ließ sich von ihr künstlerisch beraten.

Nun war ich über Silvester in einem kleinen Hotel in Saint-Germain-des-Prés mit Blick auf den Jardin du Luxembourg. Morgens, ich war wie meistens sehr früh wach, setzte ich mich mit einem Buch auf ein bequemes Ledersofa unten in der Lobby des Hotels. Neben mir stand, auf einem antiquen Tisch, eine kleine Lampe, die ein ganz besonders warmes Licht verbreitete. Draußen war es noch dunkel und an den Fenstern hatten sich Eissterne gebildet.

Der Nachtportier überredete mich zu einem Frühstück, und da ich im Schein der kleinen Lampe sowieso nicht besonders gut lesen konnte, freute ich mich auf einen Milchkaffee und ein Buttercroissant. Vollkommen beseelt von der einsamen und friedlichen Atmosphäre schweiften meine Gedanken ab zu jener Zeit in Paris, Anfang des letzten Jahrhunderts, die Hemingway eindrucksvoll in seinem Roman: Paris – ein Fest für das Leben, beschrieben hat.

Von einem auf den anderen Moment fasste ich den Entschluss, den Jardin du Luxembourg zu besuchen. Vielleicht war der Garten ja bereits geöffnet? Völlig aufgeregt und ausschließlich konzentriert auf meine Idee, stand ich auf und verließ das Hotel, um zum Garten zu gehen.

Tatsächlich, die mächtigen Tore aus Metallgitterstäben waren bereits offen. Der Morgen begann zu dämmern. Ich fröstelte, aber es war nicht die Kälte, die die Gäsenhaut verusachte. Ich befand mich mittendrin in einem, vor ein paar Minuten, noch nicht für Möglich gehaltenen Abenteuer. Kein anderer Mensch war zu sehen und ich dachte, dass  der Jardin du Luxembourg, zu Zeiten von Hemingway, genauso dagelegen haben musste.

Ehrfürchtig betrat ich das Terrain. Auf dem langen, schmalen Rasenstück vor mir hob sich der Tau weiß gegen die sich zurückziehende Dunkelheit ab. Links und rechts des Weges säumten blätterlose Bäume den Weg und ihre kleinen und großen Äste, die sich im Wind in alle Richtungen bewegten, gaben mir das Gefühl eines stummen, aber vielstimmigen Morgenkonzerts.

Völlig befangen von diesen Eindrücken und eingebettet in meine Vorstellungen zündete ich mir eine Zigarette an und ging den Weg hinauf bis zu dem großen, zentralen Brunnen des Gartens. Dort setzte ich mich auf einen der verstreut stehenden Gartenstühle. Beeindruckt genoss ich die Zeit vollkommener Einsamkeit. Direkt vor mir erhob sich zeitlos konsquent die Wintersonne in das dunkle Firmament.

Selten war mir so deutlich bewusst, dass dies ein Moment war, den ich mein Leben lang nicht vergessen würde.

5 von 5 Sternen

& abgelegt unter Allgemein.

Liebe Freunde,

die erste Buchsprechung ist auf: www.aus-erlesen.de auf der Luxemburger Seite erschienen. Sehr positiv, aber lest selbst.

Viele Grüße

Maximilian

 

Ganz Casablanca trifft sich bei Rick. Die ganze Welt trifft sich in der „Bar Luxembourg“. In der besten Bar der Stadt kommen die Erfolgreichen, die Gestrandeten und die Glücksritter zusammen. Sie frönen dem Ritual des Vergessens. Hier sind sie wer. Jemand anderer oder ganz sie selbst. Hier zählen weder Stellung noch Ansehen.
Barkeeper Christophe Leconte kennt die Bedürfnisse seiner Kundschaft. Er mixt ihnen ihre Lieblingsdrinks oder einen Cocktail nach Maß. Denn Christophe ist mehr als nur ein Getränkenachschenker. Philosophie hat er einmal studiert, in Paris. Doch dann kam das verlockende Angebot in einer Bar anzufangen. Nach seinen „Lehrjahren“ zog es ihn in die Fremde. Buenos Aires sollte sein Leben beeinflussen. Hier traf er Pavel. Einen Tschechen, der sich immer Hals über Kopf und mit vollem Einsatz und bestechender Regelmäßigkeit in die falschen (verheirateten) Frauen verliebte. Zusammen gingen sie nach Luxemburg. Gestrandet sind sie weiß Gott nicht. Der Eine ist die gute Seele des Lokals, der Andere spielt dazu den passenden Klangteppich.
Davon ganz angetan ist auch Reto Klein. Schüchtern, etwas schreckhaft und ganz in sich gekehrt, besucht er zum ersten Mal die dunklen Gewölbe der „Bar Luxembourg“- Als Finanzgenie ersten Ranges wurde er bis vor kurzem von seinen Chefs in der Schweiz geachtet und in den Himmel gehoben. Sie ließen ihm sogar manche Frotzelei durchgehen. Bis, ja bis seine Berechnungen für Investitionen einmal danebengingen. Und zwar gehörig am vorausberechneten Ziel vorbeischossen. Innerhalb kürzester Zeit beliefen sich die Verluste im dreistelligen Millionenbereich. Klein zog es vor sich nicht seinen Chefs und den Behörden zu stellen…
Georg Jorda ist ungefähr im gleichen Alter wie Reto Klein. Der Österreicher ist als Repräsentant eines angesehenen Mailänder Modehauses auf dem absteigenden Ast. Die jüngeren Kollegen verspotten ihn ab und zu. Und doch beweist er sich – denn ansonsten interessiert sich anscheinend niemand für ihn – noch einmal, dass er es drauf hat. Nicole Lorenz aus Deutschland ist sein nächstes – und williges – Opfer. Die schlanke Schönheit lässt sich gern von Herren einladen. Zuletzt hat es ihr ein Appartement in München inklusive einer üppigen monetären Zulage eingebracht. Die Gegenleistungen zu erbringen fielen ihr aber immer schwerer.
In einer dunklen Ecke stecken ein Journalist und ein Richter aus Sizilien, der am Europäischen Gerichtshof arbeitet, angestrengt die Köpfe zusammen. Was zuerst nach einer harmlosen Unterhaltung aussieht, um die der Richter gebeten hat, entpuppt sich bald als ein perfider Erpressungsversuch.
„Bar Luxembourg“ spiegelt die ganze Herrlichkeit und Verkommenheit der europäischen Metropole wider. Ein zentraler Platz für allerlei Geschäfte und Träumereien. Da stört es nicht, dass ein Rockmusiker sich hier aller Sorgen entledigen will. Niemandem fällt auf, dass die Bar mehr ist als nur eine elegante Trinkhalle. Die „Bar Luxembourg“ ist der Schmelztiegel Europas. Mit all seinen Schattenseiten.